Kulturwanderung mit spannenden Unterbrüchen

 

Die 16 km lange Kulturwanderung führt uns durch die Weiler der Obersaxer Terrasse in abgelegene Landstriche und zu herrlichen Aussichtspunkten, sakralen Sehenswürdigkeiten und zu den Errungenschaften der neueren Zeit. Im Vordergrund steht der Erlebniswert und die Vermittlung von Eindrücken über das Leben und die Kultur im Berggebiet.


Der Erkundungsgang beginnt im zentralen Ort Meierhof mit der Besichtigung der Pfarrkirche. Die einstige Peterskirche zu Obersaxen wird als königliche Eigenkirche im karolingischen Urbar von 831 erstmals erwähnt. Von diesem frühmittelalterlichen Bau ist nichts mehr vorhanden, wohl aber der Turm der romanischen, um 1200 datierten Kirche. Um 1500 wurde zuerst der Chor völlig neu gebaut, wenige Jahre danach das Schiff umgebaut. Zum ersten Mal erscheint St. Paul als Mitpatron des Hochaltars. Dieser spätgotische Bau wurde beim Dorfbrand von 1740 beschädigt, dennoch blieb er im Westlichen bis 1904 erhalten. Der heutige Bau im neoromanischen Stil stammt aus dem Jahr 1905. Die alte Kirche wurde damals mit Ausnahme des Turms niedergelegt. Für die Innenausstattung fand man praktisch keine Verwendung mehr. Der 800-jährige, romanische Turm hingegen wurde erneut renoviert und leicht erhöht. - Kulturhistorisch bedeutungsvoll ist die St. Georgskapelle von 1643 im oberen Dorfteil. Sie enthält alles, was ein gefälliges Denkmal ausmacht: in Fragmente freigelegte, kunstvolle Malereien der Mutter Gottes mit dem Kind, ein beidseits bemalter gotischer Flügelaltar, in dem abgeplattete Statuen integriert sind. Die farbigen Skulpturen werden Yvo Strigel zugeschrieben, da sie stilistisch identisch mit einer vom gleichen Meister signierten Plastik in der Pfarrkirche Disentis sind.

Von Meierhof aus wandern wir hinunter nach Marcal und von dort in Richtung Tusler Boden. In der Schlucht des Peters Baches hält sich die Mühle Chlingen versteckt. Unterhalb der Mühle stürzen die Wassermassen in das „Chessi“. Bei Hochwasser hört man das Tosen (chlinga, klingen) bis nach Meierhof hinauf. Früher soll die Hebamme die „Popi“ aus diesem tosenden Wasserkessel geholt haben und die Mütter mussten das Bett angeblich wegen Erkältung hüten.


Im malerischen Weiler Tusa folgen wir rechts dem naturbelassenen Feldweg bis zur Burgruine Schwarzenstein. Die ausgedehnte Anlage - nach Jörgenberg wohl die bedeutendste im Vorderrheingebiet - liegt am Steilabfall der Obersaxer Terrasse nördlich des Weilers Grosstobel und, wie Heidenberg und Saxenstein, dicht an der Grenze zu Brigels. Sie thront auf einem 50 m langen Felskopf, der dem Rand entlang mit einer Ringmauer bewehrt ist. Von hier aus blickt man ehrfürchtig in die schwindelerregende Tiefe. Wesentliche Teile der Burg sind heute noch erhalten. Diese teilen sich in einen West- und Osttrakt mit einem eingeschlossenen Hofareal. Ein Holzsteg am Westeck führte zum ursprünglichen Burgtor. Im  12. und 13. Jahrhundert liessen die Rhäzünser Freiherren auf den exponierten Felsvorsprüngen entlang des Obersaxer Hochplateaus die Ritterburgen zur Rodung der Terrassenböden, Sicherung des Oberländerweges und als Wacht an der Grenze zum Disentiser Äbtestaat errichten. - Nach der Besichtigung nehmen wir die Abzweigung links. Nach wenigen Metern mündet der Weg in einen schmalen Pfad, der durch Wald und Wiesen hinauf zu einem Feldsträsschen führt, auf dem wir in Kürze die Hauptstrasse bei einem alten Haus am Tobelrand erreichen. Beim kurzen Aufstieg nach St. Joseph fällt der Blick sofort auf die anmutige Josephskapelle (1862), die eine Bereicherung für das Landschaftsbild, aber von der Ausstattung her unbedeutend ist.

Nun durchqueren wir auf den Verbindungsstrassen die „Innere Pirt“, den Terrassenabschnitt zwischen dem Tscharbach und dem St. Petersbach, und gelangen über Giraniga nach Tobel. Dort leitet uns die Markierung bergauf. An der Gabelung zwischen Pradamaz und Zarzana zweigen wir links ab und laufen auf dem Feldweg in Richtung Miraniga. Auf halbem Weg überqueren wir den St. Petersbach auf der ehemaligen Landbrücke, zweifellos ein Zufallsprodukt und Wunderwerk der Schöpfung. Der Vergleich mit der metallenen, parallel verlaufenden Hängebrücke der Elektrizitätswerke ist frappant.


Nach zehn Gehminuten durchlaufen wir der Reihe nach die Weiler Miraniga, Misanenga und Platenga mit ihren typischen, blumengeschmückten Walserhäusern und den weiss getünchten Kapellen. Allein ihre formvollendeten Dachreiter mit den schlanken Spitzhelmen sind ein Blickfang für den Betrachter. Die 1668 gebaute Kapelle St. Sebastian in Miraniga birgt Wandmalereien mit ländlichen Motiven, ein gutes Bild an der Nordwand und einen mit viel Aufwand gefertigten Altar. Mit der Jahreszahl 1617 ist die schlichte Kapelle St. Jakob in Misanenga eine der ältesten Gotteshäuser in Obersaxen. - Bevor wir Platenga erreichen, müssen wir das Valater Tobel durchqueren. Am linken Tobelrand führt ein steiler Weg hinunter zum Mundloch des Platenga-Bergwerks. Im Weiler Platenga ist ein Blick in die Dreikönigskapelle aus dem Jahre 1695 sehr empfehlenswert. Sie enthält farbenfrohe Wandmalereien vom Churer Maler J. Rieg. Die Fresken mit kräftig dekorativer Wirkung wurden von Alois Carigiet erneuert. An der Westwand sind Teile eines Renaissance-Altars mit der Anbetung der Drei Könige. - Der berühmte Bündner Kunstmaler Carigiet lebte während zehn Jahren in Obersaxen, drei davon in seinem Haus Sunnafang an der rechten Strassenseite. Die illustren Fresken an der unteren Fassade dieses eigentümlichen Gebäudes lassen auf den ehemaligen Hausherr schliessen. Carigiet ist vor allem durch seine faszinierenden Bilderbücher berühmt geworden, die vom alten Brauchtum handeln und sicher auch als Aufforderung zu deuten sind, die nach alter Tradition und mit viel Herz und Geschick gebauten Häuser und Stallscheunen für künftige Generationen zu bewahren.

Auf dem schnurgeraden Feldweg führt die Wanderung nun nach Surcuolm ins rätoromanische Sprachgebiet. Die meisten Obersaxer Siedlungen tragen rätoromanische Namen wie Platta, Platenga oder Canterdun. Vor der Einwanderung der Walser im 12. und 13. Jahrhundert war Obersaxen von Rätoromanen besiedelt. Flond und Surcuolm blieben romanisch. Dies erkennt man an den Haus- und Flurnamen, aber auch am dörflichen Charakter der beiden Ortschaften. Während die Rätoromanen die engere Dorfgemeinschaft bevorzugen, zogen die Walser eine dezentralisierte Lage ihrer Höfe und eine möglichst rationelle Bewirtschaftung der knappen Böden vor. Das Dorf Surcuolm, wörtlich übersetzt „über dem Berg“, gehört politisch zur Val Lumnezia. Um die öffentlichen Bauten wie Gemeindehaus, Schule und Kirche scharen sich die zum Teil jahrhundertealten Gotthardhäuser mit den steinernen Küchenmauern und dem gestrickten Wohnteil. Die Pfarrkirche aus dem Jahre 1858 ist schlicht gehalten und enthält keine nennenswerten Kunstgegenstände. - Vom Dorfplatz in Surcuolm wandern wir auf einem Flurweg hinab nach Valata. Dabei geniessen wir die bäuerliche Idylle und die herrliche Weitsicht auf die Gletscherberge der Tödikette. Besonders eindrücklich sind die Brigelser Hörner, der Bifertenstock und die Berge rund um den Vorab hoch über Flims und Laax. Sehenswert in Valata ist die annähernd quadratische Kapelle St. Anna mit ihrem windschiefen Mauerwerk. Besondere Erwähnung verdient das Heiligenbild des Altarblattes (um 1650), auf dem Maria in synchronisierter Weise zweimal erscheint, als Hauptfigur mit dem Jesuskind und links aussen als Kind in der Selbdritt-Gruppe.


Auf der Rückkehr zum Ausgangspunkt lohnt sich ein Abstecher hinauf nach Egga. Die traditionelle Bausubstanz des Weilers erinnert uns an das alte Obersaxen. Unterhalb der kleinen Ortschaft führt ein schmaler Pfad von der alten Verkehrsstrasse hinüber zur Burgruine Moregg, die gut geschützt auf einem Bergsporn zwischen zwei tiefen Bachtobeln gebaut wurde. Von der einstigen Befestigung sind nur Teile des Hauptturmes erhalten geblieben. Spuren weiterer Gebäude innerhalb der Ringmauer sind nicht erkennbar. Die Burg wird erst 1468 urkundlich erwähnt. Sie war zweifellos auch rhäzünsisch gewesen, wurde aber verlassen, als die niedrige Gerichtsbarkeit im Verlaufe des 14. Jahrhunderts auf die Walser übertragen wurde. - Mit einer Überraschung wartet auch Egga auf. St. Antonius von Padua, neu gebaut 1707, ist die einzige grössere Kapelle östlich von Meierhof. Der dreiseitig geschlossene Chor enthält ein Altar mit Giebelgeschoss und Malereien von Y. Rieg. Die künstlerisch unbedeutenden Bilder der Seitenaltäre stammen von J. Sepp. Wesentlich wertvoller ist die Bemalung der Prozessionsfahne mit der Rosenkranzmadonna und St. Antonius. Einen halben Kilometer weiter westlich säumt die einfache Kapelle St. Maria Heimsuchung  die Strasse eingangs Affeier. Sie wurde vor 1668 gebaut. Das Altarbild der Heimsuchung, das Ölbild der Beweinung an der Ostwand und die geschnitzte barocke Pietà sind kunstlose Arbeiten.

Vor der Kapelle zweigen wir links ab und wandern hinüber zum Pifal-Wald. Der Fussweg entlang der bewaldeten Terrassenkante gewährt eindrückliche Blicke auf das pulsierende Leben tief unten in der Talsohle. Bevor wir uns am Waldausgang auf den Weg hinunter nach Meierhof machen, lohnt sich ein kurzer Besuch des von Carigiet ausgeschmückten Bildstocks. In Meierhof, ursprünglich Hof des Meiers genannt, geht die eindrucksvolle Kulturwanderung zu Ende, doch empfiehlt sich auch ein Ausflug zu den bedeutsamen Kulturgütern in St. Martin.



Veranstaltungen
30.07.2010
Ort: Meierhof
31.07.2010
Ort: Meierhof
02.08.2010
Ort: Meierhof
02.08.2010
Ort: Misanenga
02.08.2010
Ort: Valata, Restaurant Talstation
02.08.2010
Ort: Platenga
03.08.2010
Ort: Lumbreinerbrücke
03.08.2010
Ort: Meierhof
03.08.2010
Ort: Meierhof
04.08.2010
Ort: Meierhof
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